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In Göttingen- Elliehausen habe ich in den Jahren 1996- 98 für die Terra- Plan Bau, Göttingen die denkmalpflegerischen Arbeiten unternommen. Neben einer Siedlung der Rössener Kultur kamen viele eisenzeitliche Befunde zutage. Eine Publikation (siehe Info/Publikationsliste Nr.10) stelle ich hier vor. Die Rekonstruktionszeichnungenvon Thomas Killinger und alle weiteren Bilder sind Eigentum der Stadtarchäologie Göttingen.
 

Ein Wald aus Pfosten

Langhäuser der Rössener Kultur in Göttingen-Elliehausen

von Bernd Rasink

Im Göttinger Stadtteil Elliehausen entsteht im Bereich mehrerer durch Oberflächenbegehungen bekannter Fundstellen das Neubaugebiet „Am Gesundbrunnen". Um eine Dokumentation der archäologischen Befunde vor einer Überbauung sicherzustellen, wurde hier eine bauvorbereitende archäologische Untersuchung angesetzt, die als Projekt des Arbeitsamtes Göttingen mit finanzieller Unterstützung durch die Firma Terra Plan Bau seit August 1996 durchgeführt wird. Das rund 16 ha große Areal liegt am Osthang des Leinetals im Höhenbereich zwischen 173 m und 194 m über NN (Abb. l). Um den Baufortschritt nicht zu behindern, wurde zunächst auf den Flächen, auf denen die ersten Neubauten entstehen sollten, der Pflughorizont mit dem Bagger abgezogen. Auf der Abbildung l ist dieser Bereich (Hof l) bereits bebaut. Danach wurden sämtliche Straßen und Plätze, in denen später die Versorgungsleitungen verlaufen, und die Grundflächen der zu errichtenden Häuser untersucht. Dieser erste Arbeitsabschnitt bot die Möglichkeit, die Fundschwerpunkte, die im Vorfeld durch systematische Feldbegehungen festgestellt wurden, auf ihre archäologische Güte zu überprüfen, um so eine gezielte Untersuchung fundträchtiger Zonen zu ermöglichen. Im ersten Jahr der Ausgrabungen wurden vor allem die Reste einer früheisenzeitlichen Siedlung (600-300 v.Chr.) aufgedeckt und deren reichhaltiges keramisches Fundmaterial geborgen.

Einen weiteren Forschungsschwerpunkt bilden die Reste eines mittelneolithischen Dorfes der Rössener Kultur (4500-4000 v.Chr.). Im April 1996 wurden auf einer nur 3,5 m breiten Straßentrasse mehrere kleine, runde und ovale Pfostengruben aufgedeckt, die zwar teilweise in Reihen angeordnet waren.jedoch im Verhältnis zueinander kein schlüssiges Bild ergaben. Nachdem ein Überblick über das Baugebiet gewonnen worden war, wurde gezielt in der Umgebung dieser Befunde, eine größere Fläche untersucht.

Die zunächst verwirrende Anordnung der Gruben stellte sich bei der weiteren Freilegung als Überschneidungsbereich zweier Rössener Häuser heraus. Beide sind sich in ihrem architektonischen Aufbau ähnlich (Abb. 2,2; 2,3). Sie haben eine trapezoide Grundform, ausgebauchte Außenwände und sind am Nordwestende, der Hauptwetterseite, sehr schmal. Durch den Neubau von Haus 2 (Abb. 2,2) wurden die Pfostenstandspuren des älteren Baues (Abb. 2,3) so gestört, daß der Grundriß im nordwestlichen Teil nur noch fragmentarisch erhalten ist. Dennoch konnte auch die Form dieses Hauses rekonstruiert werden. Bei beiden Gebäuden scheint am Südostende ein sich verjüngender, schmaler Vorraum vom Haupthaus abgetrennt worden zu sein. Er ermöglichte einen geschützten Eintritt in den Wohnbereich. Im Vorraum von Haus 3 wurden Mahlstein- und Keramikbruchstücke gefunden, so daß anzunehmen ist, daß hier Getreide gemahlen wurde und auch andere wirtschaftliche Tätigkeiten ausgeübt wurden.

Für die Häuser 3 und 2 ist also durch die Überschneidung eine zeitliche Abfolge nachzuweisen. Da Haus 2 zahlreiche Pfosten unterschiedlichen Querschnittes besitzt - hier wurden Spaltbohlen, Rundpfosten und Kanthölzer verbaut - ist es wahrscheinlich, daß die noch benutzbaren Pfosten von Haus 3 wieder verwendet wurden.

Für die Rössener Kultur sind diese trapezförmigen Bauten charakteristisch (Abb. 2 und 3). Die Trapezform wird insbesondere anhand des Grundrisses von Haus l deutlich. Die größte Breite des Hauses liegt mit 6,24 m am Eingangsbereich  im
Südosten. An der nordwestlichen Schmalseite hatte es nur noch eine Breite von 3,17 m.Die Bauart der Häuser variiert von schmalen Langbauten, wie Haus 5 mit einer Länge von 30,70 m, bis zu Großbauten wie Haus 2 mit einer Länge von 40,20 m und einer größten Breite von 10m.

Die Häuser in EIliehausen können in zwei Gruppen mit unterschiedlicher Lage-Ausrichtung eingeteilt werden. Die Gebäude l, 3 und 4, sowie die Häuser 2 und 5 sind jeweils gleich ausgerichtet, was daraufhin deuten kann, daß sie zur gleichen Siedlungsphase gehören. Diese Annahme wird zusätzlich dadurch gestützt, daß ein Zaun von Haus 2 auf Haus 5 zu lief, der die beiden Häuser möglicherweise miteinander verband.

Über die Dauer der Besiedlung läßt sich bisher wenig aussagen. Vergleiche mit den Hausgrundrissen anderer Rössener Siedlungen legen aber einen Beginn der Aufsiedlung des Geländes während der frühen Rössener Kultur nahe. Beim bisherigen Grabungsstand lassen sich noch keine Aussagen darüber treffen, wann der Siedlungsplatz wieder verlassen wurde. Die am Ende des Projektes stattfindende Bearbeitung der Keramikfunde wird zu dieser Frage eventuell mehr Informationen bringen.

Die Häuser waren gegen Wind, Blitz und Feuer schlecht geschützt und hatten allgemein nur eine Lebensdauer von ungefähr 30 Jahren, denn der Substanzverlust der Bauhölzer

   Abb. 1 die sich überschneidenden Grundrisse von Haus
   2 und 3 von der Dachleiter der Feuerwehr aus.
beginnt direkt nach dem Eingraben vor allem am Übergangsbereich von der Erdoberfläche zur Luft. Dieser Faktor war den damaligen Bauleuten sehr wohl bekannt. Es gibt andernorts Nachweise dafür, daß die Pfosten daher im unteren Bereich durch Ankohlen haltbarer gemacht wurden. Gelegentlich wurde auch die Pfostengrube mit Holzkohle ausgekleidet,um die Hölzer so vor Nässe zu schützen. Die standardisierte Bauweise läßt vermuten, daß beim Hausbau eine Zusammenarbeit von spezialisierten Handwerkern und anderen Dorfbewohnern stattgefunden hat. Die Errichtung eines so großen Hauses wie Haus 2 (Abb. 3) muß über einen gewissen Zeitraum geplant worden sein. Der Baubeginn wird im Herbst gelegen haben, wenn keine Feldarbeit zu verrichten war. Im Sommer wurde das Holz geschlagen, da die Bäume sich im saftfrischen Zustand besser spalten und entrinden lassen. Als bestes Bauholz erweist sich das kurzfaserige, harte Holz der Eiche. Wegen des hohen Gerbstoffanteils ist es überaus dauerhaft und witterungsbeständig. Es hat eine hohe Tragkraft und Elastizität. Für das tragende Gerüst von Haus 2 mußten 19 Bäume herangeschafft werden. Für seine Spaltbohlenwände mußten mindestens 93 kräftige Bohlen hergestellt werden, für die man rd. 150 Jahre alte Eichen geschlagen hat. Als Bauholz eignen sich schlank gewachsene Stämme aus dichten Waldbeständen. Um den Transport zur Baustelle zu erleichtern, wurden sie wohl schon am Einschlagplatz entkront und auf die notwendige Länge geschnitten.

Die Wände des Hauses waren in Flechtwerktechnik ausgeführt. Der Lehmbewurf bot Wärmedämmung und -speicherung, sowie eine gewisse Feuersicherheit. Bei der Rekonstruktion der ehemaligen Wandhöhe spielen die Faktoren Tragfähigkeit und Witterungsschutz eine bedeutende Rolle. Zum Schutz der Lehmwände vor der Witterung wurde das Dach weit heruntergezogen. Es gibt an anderen Siedlungsplätzen Nachweise dafür, daß die Lehmwände mit Kalkmilch bestrichen wurden, um sie wasserfester zu machen. Eine höhere Belastbarkeit und Abriebfestigkeit erreichte man dadurch, daß dem Lehm. Magerungsmittel und Zuschlagstoffe beigegeben wurden.


Abb. 2  Plan der bisher untersuchten Grabungsflächen (Ausschnitt). Deutlich
ist die Überschneidung der Hausgrundrisse 2 und 3 und ihre unterschiedliche
Ausrichtung zu erkennen

 

Wenn man von einer notwendigen Kopffreiheit im Mittelbereich des Hauses von max. 2 m ausgeht, ergibt sich bei einem Dachneigungswinkel von 45 Grad eine Wandhöhe von 80 cm (Abb. 3). Die Wände mußten flach in den Boden eingegraben werden, um ein Auffrieren und Unterspülen durch Fließwasser zu verhindern, auch wurde so der Winddruck besser aufgefangen. Solche Wandgräben wurden in Elliehausen (Abb.2,2-3 und 2,5) nur an der Hauptwetterseite, der nordwestlichen Schmalseite nachgewiesen. In keinem Fall erreichte der Graben die Tiefe der Pfosten. Daher wird auch hier, wie an den Längswänden, eine Flechtwerkwand gestanden haben. Möglicherweise läßt sich für Haus 5 eine Spaltbohlenwand rekonstruieren.

Zur Deckung des Satteldaches wurden hauptsächlich Schilfrohr und Stroh genutzt, wie es bis zur Neuzeit üblich war. Das Schilfrohr stand in der Leineaue zur Verfügung, das Stroh konnte von den eigenen Feldern gewonnen werden. Hierzu wurde das Getreide mit Feuersteinsicheln unterhalb des Fruchtstandes und kurz über dem Boden geschnitten. So erreichte man eine brauchbare Halmlänge für die Aulbindung. Der Bedarf an Stroh konnte nur dort gedeckt werden, wo ein intensiver Getreideanbau stattfand, denn allein für Haus 2 mußten ungefähr 440 m² Dachlüche bedeckt werden.

Stroh und Rohrdächer müssen, wenn sie eine optimale Dichtigkeit erreichen wollen, eine Mindestdachneigung von 45 Grad besitzen. Bei diesem Neigungswinkel ist eine gute Durchlüftung und Entwässerung gewährleistet. Auch wird so die Schneelast nicht zu groß.

Wie Nachbauten von Häusern dieser Art zeigen, waren sie gerade in den Wintermonaten für unsere Verhältnisse sehr unwohnlich. Die Hauswände boten keine gute Wärmedämmung und so betrug der Unterschied zwischen der Außentemperatur und der Raumwärme nur 1-3° C. Bei Frostperioden wurden nur im 3 m großen Strahlungsbereich des Feuers 10-12° C erreicht.

 


Abb. 3  Rekonstruktionsversuch des schiffsförmigen Rössener Hauses 2.
Es hatte eine Länge von 40,20 m und eine größte Breite von 10 m.

 

Der übrige Bereich wies Temperaturen um den Gefrierpunkt auf. Die Hausböden hatten gelegentlich einen Estrich und waren mit Rindenlagen, Ruten und Zweigmatten ausgelegt. Sicher hat es einige Holzmöbel gegeben, die sich aber nicht erhalten haben. Des weiteren werden Felle von Haus- und Beutetieren nicht nur für die Kleidung, sondern auch für die Auskleidung der Wohnräume genutzt worden sein.

Im Bereich der Ausgrabungen haben sich keine Knochen erhalten, da der Lößboden stark entkalkt ist. Daher lassen sich keine Aussagen darüber treffen, welchen Anteil die Jagd und die Viehzucht an der Ernährung der damaligen Bevölkerung hatten. Die Größe des Baugebietes wird es jedoch ermöglichen, einen umfassenden Überblick über das Siedlungsareal zu gewinnen. Anhand dieser Erkenntnisse werden dann genauere Aussagen über das Leben im Neolithikum und in der Eisenzeit möglich sein.
 

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